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"Wir müssen jetzt die Überfischung stoppen"

sagt Daniel Goliasch, Kampagnenleiter des WWF Deutschland

Er erklärt unserem Reporter Paddy, worum es geht. Doch zunächst erklärt Paddy etwas anderes …

Paddy: Hallo, Daniel, Preisfrage: Welcher Fisch hat weder Kiemen noch Flossen?
Daniel: Hm, vielleicht ein Neunauge?

Paddy: … und keine Augen!
Daniel: Uii, das ist aber schwer.

Paddy: Gehört zur Familie der Klotzfische.
Daniel: Nie gehört.

Paddy: Ernährt sich von Fetten und Ölen.
Daniel: Wie bitte?

Paddy: Und sieht aus wie ein Lutscher, der in den Sand gefallen ist.
Daniel: Das gibt’s doch gar nicht.

Paddy: Doch – das Fischstäbchen (schüttelt sich vor Lachen).
Daniel: Ich dachte, wir machen hier ein ernstes Interview …

Paddy: Aber Fischstäbchen (beruhigt sich wieder) sind für viele Kinder oft der einzige Fisch (beginnt wieder zu lachen), den sie kennen.
Daniel: Da hast du recht – und das ist schlimm genug, denn so kriegen sie gar nicht mit, was für enorm viele tolle Fischarten es überhaupt gibt.

Paddy: … die man doch aber nicht mehr alle essen soll, sagst du.
Daniel: Viele von ihnen nicht mehr, das ist richtig, weil es inzwischen zu wenige von ihnen gibt. Andere darf man schon noch essen, weil sie naturschonend befischt werden.

Naturschonend fischen – was heißt das?

Paddy: Haben die Angelhaken da ein weiches Polster drum oder was heißt das?
Daniel: Du bist heute ganz schön frech. O.k., naturschonend heißt, dass nicht mehr Fische eines Bestandes weggefangen werden, als wieder natürlich nachwachsen können.
Naturschonend heißt auch, dass die Fangnetze – die meisten Fische werden mit Netzen gefangen, Paddy! – so große Öffnungen haben, dass Jungfische einer Art locker wieder heraus schwimmen können, wenn sich das Netz zuzieht.

Paddy: Das wusste ich gar nicht. Gibt’s noch mehr naturschonende Sachen?
Daniel: Ja, ich war noch nicht fertig! Naturschonend ist es auch, wenn Fangflotten darauf achten, möglichst wenig Beifang mit den Netzen an Bord zu holen. Beifang sind all die Arten, die die Fischer gar nicht im Netz haben wollen und die sie deshalb meist tot wieder über Bord werfen. Wenig Beifang ist also naturschonend.
Und naturschonend ist es auch, keine schweren Bodenschleppnetze einzusetzen, die vom Boden alles abgreifen, was da so lebt und zum Beispiel die Korallenriffe zerstören. Und naturschonend ist es, nur dort zu fischen, wo es erlaubt ist und nicht in Schutzgebieten. Und nicht dann, wenn die Fische gerade laichen, also ihre Eier ablegen.

Paddy: Naturschonend fischen bedeutet ja ganz schön viel.
Daniel: Es bedeutet vor allem, so vernünftig zu fischen, dass auch unsere Kinder und später deren Kinder noch Fische fangen können.

Paddy: Jetzt sehen Fische aber alle gleich aus – und erst recht Fischstäbchen! Wie erkenne ich denn, dass mein Fisch oder Fischstäbchen naturschonend gefangen wurde?
Daniel: An der Verpackung. Wenn die das blaue MSC-Siegel drauf hat, stammt der Fisch garantiert aus naturschonendem Fang.

Paddy: Kann ja jeder behaupten …
Daniel: Dieses MSC-Zeichen bekommen nur Fischereien, die immer wieder kontrolliert werden und dabei nachweislich naturschonend fischen. Hat der WWF mitentwickelt.

Paddy: Gut, das kapiere ich. Aber dann ist doch alles bestens, wenn jetzt alle naturschonend fischen und kaufen.
Daniel: Genau das tun aber nicht alle. Zwar wird immer mehr Fisch naturschonend gefangen, aber weltweit ist das erst ein sehr kleiner Teil. Die meisten Fische werden noch immer überhaupt nicht naturschonend gefangen. Und es werden viel zu viele Fische gefangen, vor allem hier in Europa.

Paddy: Weil wir zu viel Fisch essen?

Zu viel Fisch wird weggeworfen

Daniel: Ja – und weil wir Fisch für viele andere Dinge verarbeiten, zum Beispiel für Katzenfutter. Vor allem aber,weil wir noch immer viel zu viel Fisch wegwerfen, der einfach so mitgefangen wird und den keiner will – das ist der Beifang. Allein in der Nordsee werden jedes Jahr fast einer Million Tonnen Fisch und anderen Meerestiere wie Delfine, Wale und Seevögel als Beifang mitgefangen und sterben. Das ist ein Drittel der gesamten dortigen Fangmenge.

Paddy: Eine Million Tonnen Fisch und anderen Arten als Abfall? Moment mal (holt sich einen Taschenrechner) … das ist ja das Gewicht von 2.427 ICE-Zügen mit jeweils sieben Wagen. Du liebe Zeit, das ist ja irre viel. Das muss man doch sofort stoppen!

Daniel: Das denken wir vom WWF schon lange. Inzwischen sehen das auch die Politiker ein, die darüber in der Europäischen Union bestimmen.

Paddy: Dann ist das doch für die ein Klacks, endlich die Gesetze so zu ändern, dass kein Fischer mehr zu viel Fische fangen darf.

Daniel: Leider ist es nicht so einfach. Die Politiker haben zwar einen neuen Gesetzesentwurf geschrieben, da steht aber zu wenig drin. Das steht zum Beispiel nicht drin, bis wann genau die Fischfangflotten verkleinert werden müssen. Noch sind unsere Fangflotten in Europa nämlich zwei- bis dreimal größer, als für eine naturschonende Fischerei verträglich wäre. Und die Politiker wollen erlauben, dass der Beifang verkauft werden darf. Das wollen wir vom WWF nicht, weil wir befürchten, dass dann jeder noch mehr fängt, um ein dickes Geschäft zu machen – auf Kosten der Fische.

Paddy: Was wollt ihr stattdessen?

Daniel: Wir wollen, dass deutlich weniger Fisch gefangen wird. Deshalb machen wir eine Kampagne europaweit: Wir wollen möglichst viele Menschen überzeugen, uns zu unterstützen. Damit wir wiederum den Politikern sagen können: Schaut mal, die meisten Bürger wollen, dass ihr eine naturschonende Politik macht und genügend Fische im Meer lasst, damit auch in Zukunft noch welche übrig sind.

Paddy: O.k., verstanden. Wir müssen weniger fischen und das mit weniger Beifang, um die Überfischung zu stoppen. Aber reicht das, um den Fischen zu helfen? Wenn Tierarten an Land bedroht sind, werden doch auch Schutzgebiete eingerichtet.

Wir brauchen auch Unterwasserschutzgebiete

Daniel: Du hast recht, so was gibt es auch im Meer, das sind Unterwasserschutzgebiete. Dort darf nicht gefischt oder nach Öl gebohrt werden. Dort können Fische in Ruhe ablaichen, also ihre Eier ablegen. Solche Schutzgebiete gibt es bislang weltweit erst sehr wenige, viel weniger als an Land. Das wollen wir ändern.

Paddy: Hat Deutschland Meeresschutzgebiete?
Daniel: Ja, in der Nordsee und Ostsee. Die sind sogar schon ausgewiesen. Aber nur auf dem Papier, das ist die schlechte Nachricht. Wie diese Gebiete geschützt und kontrolliert werden, muss erst noch von Politikern genau festgelegt werden. Wir machen uns dafür stark, dass dies rasch geschieht.

Paddy: Dazu brauchst du bestimmt noch jede Menge Hilfe.
Daniel: Genau! Weil wir mit dem bisherigen Gesetzesentwurf nicht zufrieden sind, wollen wir unserer deutschen Bundesfischereiministerin Ilse Aigner zeigen, wie wir mit einem besseren Gesetz die Überfischung stoppen. Dazu rufen wir alle Young Pandas auf, ein eigenes Fischerei-Gesetzbuch zu erstellen (bzw. was konkret ihr plant).

Paddy: An Frau Aigner haben die Young Pandas ja schon ihren Protest gegen Beifang übergeben.
Daniel: Richtig, Paddy, und das hat auch was gebracht: Die Ministerin setzt sich jetzt nämlich so wie wir für ein Verbot von Beifang-Rückwürfen ein. Wir hoffen, dass sie jetzt ihre europäischen Kollegen auch davon überzeugt. Wenn das klappen würde,  hätten wir schon viel erreicht.

Paddy: Daniel, ich danke dir für das Interview und drücke dir, uns den Fischen und den Meeren die Daumen. Also, Young Pandas: Helft zum zweiten Mal den Fischen und macht mit bei unserer Aktion!