Seeungeheuer

Wahre Monster

Die meisten Seeungeheuer leben in unserer Phantasie. Einige jedoch gibt es wirklich. Und sie sind deutlich größer als dieser zwei Meter lange Riesenkalmar.

„Mit tausend Mündern legt sich das Tier auf dich, es atmet dich ein, zieht dich an sich, du bist gefesselt, überschleimt, fühlst machtlos, wie du allmählich ausgeschüttet wirst in diesen furchtbaren Sack, der ein Ungeheuer ist.“

So gruselig hat der berühmte Schriftsteller Victor Hugo 1866 die Begegnung mit einem Riesenkraken beschrieben. Das war natürlich reine Fantasie. Oder doch nicht?

Ein Saugarm greift an

Im Oktober 1873 entdeckten die Heringsfischer Daniel Squires und Theophilus Piccot vor der Küste Neufundlands etwas im Wasser. Als sie das treibende Ding mit einem Bootshaken näher heranzuziehen versuchten, rammte es plötzlich sein Maul in den Rand des Fischerboots und schlang einen Tentakel darum. Rasch hackte Tom, der zwölfjährige Sohn von Piccot, den Tentakel ab und rettete damit das Leben der Fischer. Dieser Saugarm war das erste Körperteil eines Riesenkalmars, das wissenschaftlich untersucht werden konnte.

130 Jahre später, im Jahr 2003, gelang Forschern dann die Sensation:der Fang zweier Riesenkalmare vor der nordspanischen Küste, einer war elf Meter lang. Leider starben beide Tiere kurz darauf. Der japanische Forscher Tsunemi Kubodera konnte im Dezember 2006 sogar ein Jungtier, dreieinhalb Meter lang, an Bord hieven. Aber auch diese Tier, es war verletzt, starb kurze Zeit später.

Riesenkalmare werden heute wissenschaftlich der Gattung Architheutis zugeordnet. Sie sind wohl die geheimnisvollsten Tiere der Tiefsee. Greifen sie sogar Schiffe an? Sind sie intelligent? Nur wenig wissen wir sicher: Es gibt Messungen von Riesenkalmaren mit mehr als 20 Metern Länge. Meist liegen diese großen Messungen aber an überdehnten Saugarmen.

Trotzdem: Auch einem 13 Meter großen Riesenkalmar – etwa der größten sicher bekannten Größe – möchtest du wohl kaum begegnen. Das Tier hat acht Arme und zwei Tentakeln, mit denen es seine Beute greift. Seine Augen sind so groß wie Pizzateller. Und es kann Lichtsignale aussenden – wahrscheinlich, um Partner anzulocken. 

Kampf der Giganten

Hat jemand, der so groß ist, Feinde? Und ob! Der ebenfalls bis zu 20 Meter lange und 50 Tonnen schwere Pottwal (Bild oben) taucht hinab bis fast 3.000 Meter in die schwarze, kalte Tiefsee. Er sucht Beute, große Beute. Langsam kreist er über dem Meeresboden. Irgendetwas ist dort unten ... 

Plötzlich greifen riesige Arme nach ihm. Zwei, drei, nein, acht Tentakel! Fast so lang wie der Pottwal selbst. Gierig saugen sie sich an seiner Haut fest. Ein Paar riesiger Augen taucht vor ihm auf und glotzt ihn an. Ein langes spitzes Maul öffnet sich im Dunkeln. Ein Riesenkalmar! Der Kampf der Giganten beginnt ...

Doch halt: Was jetzt passiert wissen wir nicht. Weil noch niemand zuschauen konnte, wenn Riesenwal auf Riesenkalmar trifft. Weder ein Forscher noch eine Unterwasserkamera.

Wir wissen nur: Pottwale kämpfen wirklich mit Kalmaren, das beweisen die Tentakel-Verletzungen auf der Haut von gestrandeten Tieren. Außerdem scheinen ihnen die Riesentintenfische zu schmecken, denn in ihrem Magen finden sich unverdaute Reste.

Meerjungfrauen sind ganz anders

In den verborgenen Tiefen der Meere könnten noch viele Riesentiere lauern. Es gibt viele unglaubliche Geschichten aus früheren Zeiten, so genanntes Seemannsgarn. Erzählt von Seefahrern, die entweder mächtig angeben wollten – oder die nicht verstanden, was sie da sahen. So berichteten einige zum Beispiel von Meerjungfrauen, die Seeleuten schöne Augen machten und sie auf falschen Kurs und  in den Tod lockten.

Heute wissen wir: Die schlanken Meerjungfrauen waren in Wirklichkeit dicke und schwerfällige Seekühe (im Bild oben) mit eher gutmütigem, sanftem Wesen.

Seeschlange mit roter Mähne

Und die Seeschlangen? Seit Jahrtausenden beschreiben Menschen im Meer schlangenähnliche Wesen mit Drachen- oder Pferdekopf. Seit gut 20 Jahren wissen wir, dass sie recht hatten. Solch ein Ungeheuer gibt es wirklich, nur es ist keine Seeschlange: Es ist der Riemenfisch.

O.k., wie ein Fisch sieht er auch nicht so sehr aus. Er besitzt einen Rückenkamm, der auf seinem pferdeähnlichen Kopf büschelartig ausschaut. Ängstliche Beobachter hielten das früher für eine „flammendrote Mähne“. Das erste komplett erhaltene Exemplar ging 1996 der US-Marine ins Netz (Bild unten). Er war sieben Meter lang und damit der längste Knochenfisch der Welt.

Angebliche Beobachtungen von mehr als 15 Meter sind reine Fantasie – noch.

Riemenfische leben in den gemäßigten und tropischen Meeren in einer Tiefe von bis zu 1000 Metern. Aber sie sind in der Natur nur selten zu beobachten. Im Ozeaneum in Stralsund kannst du ein lebensgroßes Modell bewundern.

Haie mit Riesenmäulern

Doch nicht nur Riemenfische wurden für Seeschlangen gehalten. Vor Schottland zum Beispiel kannst du manchmal auf dem Meer in Küstennähe mehrere zackige Flossen hintereinander aus dem Wasser ragen sehen. Wer dann früher vor Angst kehrt machte und zu Hause was von Seeschlangen erzählte, erfuhr leider nie, wem die Zacken wirklich gehören – dem Riesenhai (Bild oben)! Er wird bis zu sieben Meter lang und schwimmt gerne in Gruppen knapp unter der Wasseroberfläche, wo er mit seinem riesigen Maul jede Menge Kleinstlebewesen verschlingt.

Etwas völlig anderes hievte das Forschungsschiff AFB-14 der US-Marine im November 1976 vor der Hawaii-Insel Oahu mit seinem Treibanker ans Tageslicht. Ein Wesen, das noch niemand auf der Welt bis dahin zu Gesicht bekommen hatte. Es war fast fünf Meter lang und 800 Kilogramm schwer – und besaß ein Riesenmaul. Man gab ihm den Spitznamen „Megamouth“ und erkannte in ihm eine neue Haiart, den Riesenmaulhai (Bild oben) Der Schlinger hatte, obgleich offensichtlich ein Planktonfresser, in einer Tiefe von 160 Metern den Treibanker verschluckt.

Du siehst: So lange wir sie nicht näher kennen, erscheinen uns so manche Tiere wie Ungeheuer. Doch je mehr wir über sie erfahren, desto weniger Angst brauchen wir vor ihnen haben.

Du möchtest den ungewöhnlichen Meerestieren helfen? Kein Problem! Gemeinsam mit dem WWF und YOUNG PANDA kannst du dich für ihren Schutz einsetzen. Wie das geht, kannst du hier lesen: Jetzt helfen!