Wildtiere in der Stadt

Neue Heimat für die Wilden

Trotz Häusern, Straßen, Lärm und Licht: In manchen Städten gibt es heute eine größere Artenvielfalt als auf dem Land. Viele Tiere haben hier eine neue Heimat gefunden.

„Waschbärenbande bricht in Häuser ein“ oder „Wildschweine überfallen Kindergarten“: Immer mehr solche und ähnliche Überschriften in Zeitungen zeigen, dass etwas Ungewöhnliches im Gange ist in Deutschland. Ob in München, Frankfurt oder Berlin: In vielen Städten leben tatsächlich immer mehr Wildtiere.

Füchse und Marder, Wildschweine und Eichhörnchen, Graureiher und Kormorane oder unzählige Schmetterlingsarten – immer mehr Wildtiere ziehen um in die Stadt. Die meisten Wildtiere wagen sich zunächst vom Wald zum Stadtrand, huschen dann über Parks und Schrebergärten bis in Gewerbegebiete und schließlich sogar in dicht besiedelte Stadtteile, wo viele von ihnen sich auf Dauer niederlassen.

Das ist nicht immer ungefährlich für die Einwanderer: Manchmal kann es selbst für ein Raubtier wie den Steinmarder (Bild unten) brenzlig werden, wenn zum Beispiel eine Katze auftaucht.

Vier gute Gründe für Wildtiere, in die Stadt einzuwandern

Warum aber ziehen wilde Tiere die Stadt und fühlen sich offenbar in unserer Nähe pudelwohl?

Grund Nummer 1: Weil sie es müssen. Öde kilometerlange Weizen-, Mais oder Roggenfelder bieten für die meisten Tierarten kaum Lebensraum und Nahrung. Überdüngung der Felder mit Rinderkot und chemische Pflanzenschutzmittel sowie Begradigung und Verschmutzung von Gewässern haben in der Vergangenheit viel Unheil auf dem Land angerichtet und viele Arten vertrieben. Vieles hat sich zwar inzwischen zum Guten geändert, doch einmal vertriebene Arten kommen so schnell nicht zurück.

In der Stadt gibt es außerdem mehr Möglichkeiten, Unterschlupf zu finden, sich vor Feinden zu verstecken oder ein Nest zu bauen als auf eintönigen Äckern ohne Gebüsch. Diese Siebenschläfer zum Beispiel (Bild unten) haben es sich in einem Keller gemütllich gemacht.

Grund Nummer 2: Der Tisch in der Stadt ist für viele Tierarten immer reich gedeckt – durch (leider) immer mehr Essensabfälle und grüne Oasen wie Parks und Gärten. Für Raubtiere wie Füchse sind auch Kaninchen oder Hasen interessant, die in Gärten gehalten werden.

Grund Nummer 3: Es gibt meist keine Jäger! Im Gegenteil: Die Stadtbevölkerung duldet Tiere eher in ihrer Nähe als Menschen auf dem Land. Tiere werden hier kaum gefangen oder getötet. Tiere sehen daher im Stadtmenschen keinen Feind mehr - so wie dieses Eichhörnchen im Bild unten.

Grund Nummer 4: In der Stadt ist es vor allem im Winter wärmer und trockener als auf dem Land. So können Tiere nicht nur leichter überwintern. Manche Arten bekommen auch häufiger Nachwuchs. Das gilt auch für den Reiher im Bild unten, der nur aufpassen muss, wo er spazieren geht.

Trotzdem ist die Stadt für wilde Tiere nicht ungefährlich. Wer hungrig ist, muss befahrene Straßen überqueren und jede Menge Lärm und Licht aushalten. Wilde Stadtbewohner müssen deshalb mutig, lernfähig und nicht allzu wählerisch beim Essen sein. Die besten Chancen haben hier anpassungsfähige Überlebenskünstler.

Wo sind sie denn alle? Verstecke in der Stadt

Schau dich mal genauer um: Die Stadt bietet ganz verschiedenen Tieren Schlupflöcher und neue Lebensräume wie leer stehende Häuser, Dachstühle, Kirchtürme, Friedhöfe, Kellergewölbe, U-Bahnhöfe, Kanalrohre, alte Industrieanlagen, Spielplätze, Parkanlagen und Gärten.

Eine Fledermaus kann zum Beispiel in einem Mauerspalt stecken. Ein Waschbär fühlt sich in einem Kaminschlot oder stillgelegten Wasserkanal wohl.

Ein verwaister Briefkasten kann ein ungestörtes Zuhause für Siebenschläfer sein. Vielleicht hausen sie dort, weil der trockene Dachstuhl im leer stehenden Haus schon von Fledermäusen und der Mauervorsprung bereits von Schwalben besetzt ist (Bild unten).

Bestimmt haben Mäuse bereits viele Gänge im Garten gegraben oder in dem Heizungsrohr, das keiner mehr weggeräumt hat, ein Nest gebaut.

Marder werden eher im benachbarten Park einen Rückzug finden oder in der bewaldeten Böschung des Flussufers. Von dort gehen sie nachts auf Jagd. Manche Marder werden unterwegs von Autos magisch angezogen. Sie schleichen sich in den Motorraum, markieren ihn durch ihr Pipi und fressen sich durch die Zündkabel und Kühlerschläuche. Das machen sie besonders gern, wenn das Auto bereits Spuren eines anderen Marders aus einem anderen Revier enthält. Damit sagen sie: Hier bin ich der Chef!!

Der Fuchs treibt sich nachts gerne auf dem Friedhof herum, wo Mäuse und Kaninchen für ihn leichte Beute sind. Dachs und Waschbär schleichen sich auf Schulhöfe, wo sie weggeworfene Pausenbrote von Schulkindern verputzen. Bei diesen Streifzügen kann man sich ganz schön schmutzig machen. Deshalb brauchen alle drei Arten ab und zu eine abgelegene Pfütze, wo sie in Ruhe ihr Fell reinigen können.

Wenn sie noch keinen Bau gefunden haben, verbringen sie ihre Nächte auch mal auf  Abenteuerspielplätzen, wo sie sich in Rutsch- und Krabbelröhren zurückziehen.

In den Fensternischen der Glockentürme oder auch von Hochhäusern sitzen Käuze, Schleiereulen oder Turmfalken (BIld oben) auf der Lauer. Manchmal nisten sie dort auch. Im Dachstuhl alter Häuser können Fledermäuse von den Balken hängen.

Auch die stillgelegten Gleise hinter dem Bahnhof sind eine Fundgrube für seltene Arten. Hier können Wildkräuter unzählige nektarhungrige Insekten ernähren, die seltene Vogelarten wie den Neuntöter anziehen. Eidechsen sonnen sich gerne auf den Gleisen, und Molche und Unken tummeln sich in den Pfützen.

Weil in den meisten Städten nicht mehr mit Pestiziden gespritzt wird, leben auf jedem Grünstreifen neben Mäusen auch Spinnen, Asseln, Ameisen oder Sandbienen. Auch deshalb sind Igel in der ganzen Stadt zu Hause. Den Winter haben sie in abgelegenen Laub- und Komposthaufen verbracht, einer vielleicht sogar in eurem Garten …

Achtung vor Wildschweinen!

Kaum zu bremsen sind Wildschweine, die einzeln oder als Gruppe oft plötzlich aus einem nahen Wäldchen zu einem kleinen Ausflug in die Stadt anrücken. Das kommt in letzter Zeit nicht nur in Berlin häufiger vor. Denn Wildschweine haben sich in Stadtwäldern stark vermehrt und gehen daher immer öfter auch in Siedlungen auf Futtersuche. Dabei machen sie ihrem Namen alle Ehre. Denn wenn sie in einem Garten nach Verwertbarem suchen, sieht es hinterher aus wie in einem Saustall.

Merke dir unbedingt: Stelle dich niemals einem Wildschwein in den Weg. Es ist schnell und stark und kann dich verletzen. Wenn du ein Wildschwein siehst, gehe sofort in ein Haus und schließe Türen und Fenster. Melde das Tier sofort der Polizei. Die wird versuchen, das Wildschwein wieder in den Wald zu bringen oder zu fangen.

Grundsätzlich gilt: Kein Wildtier anfassen! Sehr zutrauliche Tiere könnten Tollwut haben. Wenn dich ein Tier gebissen hat, sage deinen Eltern Bescheid und gehe sofort zum Arzt!

Du möchtest den Tieren in der Stadt helfen? Kein Problem! Gemeinsam mit dem WWF und YOUNG PANDA kannst du dich für ihren Schutz einsetzen. Wie das geht, kannst du hier lesen: Jetzt helfen!