Algenblüte in der Nordsee:

Was ist da los, Stephan?

In diesem Sommer machten Satelliten Fotos von ziemlich großen hellen Flecken in der Nordsee. Das waren riesige schwimmende Teppiche aus blühenden Algen.

Wie gibt`s denn sowas, habe ich unseren Experten Stephan Lutter gefragt. Er weiß enorm viel über alles, was im Meer passiert. Und er ist sogar Algologe …

Stephan: Nein, ich bin Planktologe. Plankton sind meist superkleine Lebewesen, oft Einzeller, die im Meer leben. Zu ihnen gehören auch kleine pflanzliche Algen, aber ebenso winzige Tierchen
und Bakterien, außerdem Fisch- und Krebslarven sowie kleine Quallen.
Paddy: Und wieso heißen die alle Plankton?
Stephan: Weil sie nicht selber schwimmen können, sondern sich von den Meeresströmungen treiben lassen.
Paddy: So wie die Algen in der Nordsee?
Stephan: Genau.
Paddy: Was ist denn so dolle an so winzigen Wesen?
Stephan: Erstens sehen sie unter dem Mikroskop fantastisch aus, ähnlich den Gestalten aus Star Wars. Und zweitens gäbe es ohne die Winzlinge auch keine Meeresriesen, keine Artenvielfalt im Meer. Plankton ist so was wie die Startpackung der Nahrungskette. Außerdem speichern Massen winziger Algen Kohlenstoff, so wie Wälder an Land. Damit sind sie enorm wichtig für ein stabiles Klima.
Paddy: Oha, das habe ich nicht gewusst. Ist das aber normal, wenn auf einmal so ganz viele Algen zusammenkommen?

Stephan: In unseren Breiten gehört eine starke Frühjahrs- und eine etwas schwächere Herbstblüte zum natürlichen Kreislauf der Algen. Vielleicht hast du schon mal am Strand so weiße Schaumberge gesehen, die vom Meer angespült werden wie im Bild oben. Das sind solche blühenden Algen. Sie sind übrigens ungefährlich für Menschen, denn sie sind nicht giftig.
Paddy: Uff, das ist ja schon mal erfreulich.
Stephan: Es gibt aber auch Algen, die für Menschen giftig sind, wie die Blaualgen. Die lösen Übelkeit und Allergien aus.
Paddy: Wie kann ich die denn von harmlosen Algen unterscheiden?
Stephan: Mit dem bloßen Auge gar nicht. Am besten fragst du immer den Strandwart, bevor du ins Wasser gehst.
Paddy: Warum gibt es überhaupt Algenblüten?
Stephan: Eine Algenblüte bringt jede Menge Action in die Nahrungskette.
Paddy: Wie geht das?

Stephan: Das funktioniert so: Die Stürme im Winter schaufeln jede Menge Nährstoffe wie Phosphat, Nitrat und Silikat aus den dunklen Tiefen an die Meeresoberfläche. Scheint im Frühjahr viel die Sonne, kriegen die Algen an der Wasseroberfläche durch das Licht ganz viel Energie. Dann verputzen sie die Nährstoffe und vermehren sich explosionsartig. Anschließend stürzen sich Kleintiere wie zum Beispiel Ruderfußkrebse gefräßig auf die Algen und vermehren sich ihrerseits. Na, und die Fische stürzen sich dann …
Paddy: … lass mich raten: auf die Ruderfußkrebse …
Stephan: Exakt. Und so geht es weiter die ganze Nahrungskette hinauf bis zu großen Fischen oder Robben.

Pupsendes Plankton

Paddy: Aber irgendwann sind doch die Nährstoffe vom Anfang mal alle, oder?
Stephan: Richtig. Dann sinkt der Rest der Algenwolke zu Boden und versorgt dort noch Muscheln, Würmer und Schwämme mit Nahrung. Aber die Ruderfußkrebse sind clever: Sie heben sich noch etwas Fressen auf.
Paddy: Bitte? Wie geht das im Meer?
Stephan: Durch ihre Häufchen.
Paddy: Iiiih, wie eklig ist das denn? Und überhaupt: Häufchen sinken doch auch runter auf den Boden.
Stephan: Nicht, wenn man vorher einen fetten Pups mit reinpackt.
Paddy: Aaaah, das wird ja immer schlimmer. Was denken sich diese Ruderfußkrebse eigentlich?
Stephan (lacht): Ohne Gehirn können die gar nichts denken. Trotzdem sind sie ganz schön clever, pass´ auf: Von den vielen Algen bekommen die Ruderfußkrebse nämlich Blähungen. Die nutzen sie enorm praktisch: Sie packen in jede ihrer Kotpillen einen Pups. So können ihre Häufchen nicht absinken und von den Ruderfußkrebsen nochmals gefressen werden.
Paddy: Ich fass es nicht! Aber irgendwann ist doch auch die zweite Runde an Nährstoffen aufgebraucht?
Stephan: Genau. Das ist dann meist im Sommer der Fall.
Paddy: Aber jetzt hatten wir doch gerade mitten im Sommer diese riesige Algenblüte. Was bedeutet denn das?

Zu viele Algen verbrauchen Sauerstoff

Stephan: Dass da etwas nicht normal verläuft. Vermutlich wurden neue Nährstoffe zugeführt – zum Beispiel durch irgendwelche Zuflüsse ins Meer. Abwässer zum Beispiel, die wir Menschen ins Meer kippen, sind für Algen oft sehr nährstoffreich.
Paddy: Was ist denn daran schlimm, wenn Algen sich stark vermehren?
Stephan: Sobald Algen absterben, zu Boden sinken und abgebaut werden, wird sehr viel Sauerstoff im Meer verbraucht. So viel, dass es zeitweise gar keinen Sauerstoff mehr im Wasser gibt. Dann können Todeszonen entstehen, in denen von der Muschel bis zum Fisch alle Lebewesen absterben. In der Ostsee passiert das regelmäßig jeden Sommer.
Paddy: Das ist ja schrecklich. Aber haben wir nicht Kläranlagen, die das verhindern?
Stephan: Du bist ganz schön schlau. Ja, das stimmt, unsere Kläranlagen reinigen unsere Abwässer schon ziemlich gut, und die meisten Waschmittel haben auch keine Phosphate mehr, die auf Algen wie Dopingmittel wirken. Aber die vielen Abwässer aus der intensiven Landwirtschaft können nicht so gut gereinigt werden, denn es sind einfach zu viele. Vor allem die Abfälle aus der Massentierhaltung, die Millionen Tierhäufchen und das Tierpipi, sorgen für jede Menge Algenfutter.
Paddy: Umpf! Also lieber mal ein Schnitzel weniger essen …
Stephan: Das ist schon mal eine ganz gute Idee, Paddy!