Tierische Schwindler Teil 2

Tarnanzug anziehen

Das Wort „Mimen“ kommt aus dem Griechischen und heißt „Nachahmen“. Genau das machen viele Tiere: Sie imitieren zur Tarnung das Aussehen anderer Tiere (das heißt wissenschaftlich Zoomimese), von Pflanzen (Phytomimese) oder von Gegenständen aus ihrer Umwelt (Allomimese), um nicht erkannt zu werden. So kommt es vor, dass Insekten einen Stein links liegen lassen, der eigentlich ein leckerer Käfer ist. Nur gut getarnt als Stein!

Am fantastischsten ist jedoch der spontane Farbwechsel. Ein Oktopus oder Tintenfisch (in den Bildern oben) ändert seine Farbe wie auf Knopfdruck, wenn er vom Hellen ins Dunkle schwimmt oder vom gelben Sandboden zu bunten Korallenriffen herüber gleitet. Das tut er, um sich an Beutetiere anzuschleichen oder Feinden zu entgehen. Tintenfische sind übrigens keine Fische, sondern Weichtiere.

Als Bösewicht verkleiden

Mimikry nennt man die Fähigkeit, wenn Tiere andere Tiere nachahmen können, die gefährlich und wenig schmackhaft sind. Die Seeschlange zum Beispiel im Bild oben ist mit bis zu 15 Milligramm Giftvorrat ein zu Recht gefürchtetes Meerestier (schon 1,5 Milligramm ihres Gifts können einen Erwachsenen töten).

Der Geringelte Schlangenaal im Bild unten hingegen ist harmlos. Doch er ist ebenso schwarz, orange und weiß geringelt. Dass er im Gegensatz zur Seeschlange keine Schuppen hat, können seine Feinde unter den Fischen aber kaum erkennen. Daher genießt er ein ruhiges Leben am Meeresgrund, denn jeder hält ihn für tödlich giftig.

Die Skuas sind Raubmöwen mit einem dreisten Trick: Sie greifen kleinere Raubvögel an, die frische Beute gefangen haben. Solange, bis diese die Beute wieder auswürgen und fallen lassen.

Von den Skuas haben die kleineren Hakensturmtaucher das Flügelmuster kopiert. So bleiben sie nicht nur von Attacken der Raubmöwen verschont. Sie greifen selbst im Skua-Stil anderen Sturmvogelarten die Beute ab. Clever!

Die berüchtigte Wespe mit ihrem giftigen Stachel (Bild oben) macht nicht nur Menschen im Sommer zu schaffen. Im Wespen-Tarnanzug sind auch manche harmlosen Schwebfliegen (Bild unten) unterwegs, um von Fressfeinden verschont zu bleiben. Auch Menschen fallen auf den Trick herein. Schwebfliegen besitzen keinen Stachel.

Ist der Mirakelbarsch in Gefahr, steckt er seinen Kopf in eine Ritze, spannt seine gepunkteten Flossen zu einem Ring und streckt dem Feind sein Hinterteil entgegen. Die Flossen bilden in der Mitte ein schwarzes Loch. So sieht er aus wie eine gefährliche Netzmuräne.

Wenn der Pfau sein Rad schlägt wie im Bild oben, erscheinen seine Riesenaugen auf den Federn zur Abschreckung. Auch viele Schmetterlinge wie unser Tagpfauenauge haben Augenmuster auf ihren Flügeln, um Fressfeinde vorzugaukeln, sie wären nur ein Teil eines viel größeren Tieres. So mancher Feind nimmt dann Reissaus.

Unter Wasser unsichtbar

Die meisten Fische, die in der Nähe der Küste schwimmen, sind wegen ihrer blausilbrigen Oberseite von oben kaum im Wasser zu erkennen. Von unten wiederum gleicht ihr weißer Bauch dem weißen Licht des Himmels (deshalb sind auch so viele Vögelbäuche hell). An der Seite haben diese Fische oft schwarze wellenförmige Streifen, die wie die Wellenbewegungen im Meer aussehen.

Kleine Fische wie die Wimpelfische im Pazifik wiederum schließen sich gern zu großen Schwärmen zusammen. Gemeinsam sehen sie wie ein großes Wesen aus und schrecken Fressfeinde ab.

Unsichtbar machen sich Plattfische wie die Flunder und der Butt. So können sie sich im sandigen Meeresboden verstecken und auf Beute lauern, ohne einen verdächtigen dicken Hubbel zu bilden. Nur ein Auge ragt heraus. Beim Himmelsgucker sind es zwei: Auch er lauert auf Beute, die er mit einem falschen Wurm (einer Art Hautstreifen aus seinem Maul) anlockt.

Anglerfische können so aussehen wie ihre Umgebung, also zum Beispiel ein Korallenriff. Dazu können sie auch ihre Körperfarbe wechseln.Aus ihrer Rückenflosse hängt ein Haustreifen heraus. Er sieht aus wie eine Angel mit einem Wurm oder einer Garnele. Damit locken Anglerfische Beutetiere an, die sogar größer als sie selbst sein können – und die sie dann durch superschnelles Aufreissen ihres Riesenmauls verschlingen.

Täuschen Tiere ganz bewusst?

Nein. All die Tarnungen und Täuschungen sind im Lauf der Evolution entstanden. Im alltäglichen Überlebenskampf entwickelten Jäger immer neue Methoden, um an ihre Beute zu kommen. Und Beutetiere oder Beutepflanzen entwickelten immer neue Verteidigungstricks, um ihre Gegner zu vergraulen – oder sich unsichtbar zu machen wie das Seepferdchen im Bild oben.

So kam es im Lauf der Entwicklungsgeschichte über Jahrmillionen zu einem regelrechten Wettlauf in der Entwicklung, bei der sich immer mehr Arten aufeinander eingestellt haben und voneinander abhängen. Das Ergebnis dieses Wettlaufs ist die heutige Artenvielfalt.

Jedes Aussterben auch nur einer einzigen Art hat daher schlimme Folgen für die Natur, die wir gar nicht alle überblicken können. Daher ist es so wichtig, Tier- und Pflanzenarten gar nicht erst aussterben zu lassen. Genau dafür kämpft der WWF.