Ein Märchen aus dem Regenwald

Der Weg nach Hause

Manche Indonesier behaupten, Orang-Utans, die „Waldmenschen“ (so die Bedeutung ihres Namens) könnten sprechen. Aber sie täten es nicht, wenn Menschen dabei sind ... Vielleicht ist da etwas Wahres dran. Genauso wie an der folgenden Geschichte ...

„Um Himmels Willen, Mori ist weg!" Entsetzt stand die Pflegerin vor dem offenen Käfig der Orang-Utan-Aufzuchtstation. Der Leiter der Station kam herbei geeilt und fand auf dem Boden das Tatwerkzeug – einen Schraubenzieher. „Er hatte gestern damit spielen wollen, als wir das Schloss reparierten,“ erzählte sie ihm. „Er wollte ihn nicht mehr hergeben.“

„Jetzt weißt du, warum“, sagte der Leiter. „Du weißt doch, was man sich erzählt: Was macht ein Menschenaffe mit einem Schraubenzieher? Ein Gorilla kratzt sich damit den Rücken. Ein Schimpanse wirft ihn seinen Artgenossen hinterher. Ein Orang-Utan aber wartet, bis der Pfleger verschwunden ist, um dann den Käfig aufzuschließen. Genau das ist wohl passiert.“

„Er hat es sicher vor Heimweh nicht mehr ausgehalten“, seufzte die Pflegerin. „Dabei wollten wir ihn doch bald nach Weihnachten sowieso auswildern. Jetzt mit zehn Monaten aber ist er noch viel zu klein, um im Wald allein zu überleben.“

„Das stimmt“, entgegnete der Leiter, „aber ich würde mich nicht wundern, wenn so ein kleiner Orang-Utan nicht noch mehr Fähigkeiten zum Überleben hätte, als wir Wissenschaftler uns vorstellen können.“

Wie eine Flut schwappten die Bilder der Erinnerung in Moris Gedächtnis zurück. Wie er vom Baum fiel und den Schrei seiner Mutter hörte. Wie er von Wilderern gefangen wurde. Wie er schließlich befreit wurde und in die Aufzuchtstation kam.

Ob seine Mutter noch lebte? So begeistert er viele Stunden durch den Wald lief und den vertrauten Duft mit seiner Nase einsog, jetzt packte ihn doch die Angst. Außerdem war er erschöpft und sein Magen begann zu knurren.

Da stieg ihm ein verführerischer Duft in die Nase, süß und würzig zugleich. Immer der Nase lang, stolperte Mori durch das Dickicht, bis er auf einen violetten Teppich frisch gefallender Feigen stieß. Gerade wollte er sich draufstürzen, als eine knarzende Stimme sprach: "Aber bitte nur eine. Lass mir auch noch etwas übrig."

Mori sah sich erschrocken um. Vor ihm stand, langsam und gemütlich schmatzend, ein riesiger Waldelefant. „Das ist nämlich mein Feigenbaum." Vor Schreck war Mori auf den reifen Feigen ausgerutscht und saß jetzt in einer klebrigen Pampe. "Eine schöne Bescherung", lamentierte der Elefant, "schau nur, was du angerichtet hast. Du scheinst mir ein bisschen verwirrt zu sein."

„Das wärst du auch, wenn du allein wärst und deine Mutter suchen müsstest", erwiderte Mori mit klagender Stimme. „Das hört sich ja schlimm an", klang mitleidsvoll der Elefant und schob sich mit seinem Rüssel die nächsten Feigen ins Maul. Mori erzählte ihm seine Geschichte, und der genüsslich kauende Dickhäuter hörte ihm aufmerksam zu.

„Nun gut“, sagte er. „Ich will dir einen Rat geben. Weißt du, wie ich meinen Feigenbaum gefunden habe?" Mori schüttelt den Kopf. „Eben mit dem Kopf, mein Lieber. In meinen Gedächtnis sind alle Wege des Waldes, sind alle Fruchtbäume verzeichnet – und wann sie genau Essbares tragen. Ich finde sie alle“, und der Ton des Elefanten klang ein wenig stolz.

„Ja und? Ich bin noch klein und nicht so uralt wie du“, klagte Mori trotzig. „Bitte, bitte, reden wir nicht über das Alter,“ antwortete der Elefant etwas beleidigt. „Auch wenn du noch so jung bist, so weißt du doch mehr, als du ahnst. Sicher hat dich deine Mutter früher auch zu Fruchtbäumen mitgenommen, um etwas zu essen. Erinnere dich ihrer Wege, erinnere dich deiner ersten Gedanken, und du wirst deine Mutter wiederfinden."

„Erinnern, erinnern, der Alte hat leicht reden.“ Brummelnd, aber immerhin mit einem vollen Bauch, zog Mori weiter. Für ihn sahen die Bäume überall gleich aus. Aus dem Kronendach drang nur wenig Licht auf den Boden, und das viele Rascheln in den Bäumen irritierte ihn noch mehr. Doch halt: Was war das da vorne? Ein großer Schatten. Mama?

Schnell lief er los in die Richtung – und bremste plötzlich! Zwei Augen funkelten aus dem Dunklen und erschreckten ihn zutiefst. Ein Tiger! Mori wollte fliehen, am besten schnell auf den nächstbesten Baum!

Doch leichter gesagt als getan: Zwar war er als Kletterer geboren, doch hatte er in Gefangenschaft seine Fähigkeiten nicht nicht ausreichend üben können. Prompt rutschte Mori ungeschickt vom Ast ab und landete auf dem harten Boden – genau vor dem Maul des Tigers.

„Tss, tss, was haben wir denn da für eine halbe Portion?" dröhnte die tiefe Stimme des Tigers an Moris Ohr. „Friss mich schnell, damit es nicht so weh tut“, flehte Mori.

„Rede keinen Blödsinn. Erstens habe ich gerade gegessen, und zweitens bist du wirklich keine Mahlzeit, noch nicht einmal ein Appetithappen. Sag mir lieber, warum du so ungeschickt bist.“

Noch mit dem Schreck in den Gliedern, erzählte Mori dem freundlichen Tiger seine Geschichte. Als er geendet hatte, kraulte sich der Herr des Dschungels mit seiner enormen Kralle seinen Bart und sagte dann: „Wenn das so ist, dann gebe auch ich dir einen guten Rat: Vertraue deinen Augen. Sie sehen mehr, als du denkst.“

Mori verabschiedete sich vom Tiger, aber mehr aus Dankbarkeit, nicht gefressen worden zu sein. Mit seinem Ratschlag hingegen konnte er nicht viel anfangen. „Sehen, sehen: Wohin ich auch sehe, ist es dunkel oder grün." Außerdem war er verzweifelt, weil er nicht richtig auf Bäume klettern konnte.

Da stieß er auf eine kleine Lichtung. Hier roch es überhaupt nicht angenehm, es stank sogar richtig Wie erstaunt war Mori, als er die Quelle des üblen Gestankes entdeckte: eine riesige knallrote Blüte, fast größer als er, mit einer großen Öffnung in der Mitte. „Was rümpfst du so die Nase?" tönte es vornehm aus der Blume.

„Wer bist du denn?" fragte Mori. „Ich bin Rafflesia, die größte und schönste Blüte des Waldes. Und was du riechst, ist mein Parfüm.“

„Dieser Gestank soll ein Parfüm sein?“ fragte Mori. „Ignorant. Den Fliegen das Waldes gefällt es“, raunzte beleidigt die Rafflesia.

„Wieso kannst du sprechen?“ staunte Mori. „Typisch: Als oberschlauer Affe glaubst du wohl, nur du könntest reden und alle anderen im Wald müssten stumm sein“, regte sich die Rafflesia auf.

„Ich bin gar nicht schlau“, seufzte Mori kleinlaut. „Ich bin ganz dumm. Ich kann noch nicht einmal einen Baum hochklettern.“

„Puh, das habe ich ja noch nie gehört", entgegnete die Blüte mit schrillem Ton. „Wie willst du denn im Wald überleben, wenn du nicht klettern kannst?“

„Das weiß ich ja auch nicht," antwortete Mori verzweifelt. Aber vor allem weiß ich nicht, wie ich meine Mutter wiederfinde.“ Und Mori erzählte ihr mit Tränen in der Stimme seine Geschichte. Da bekam auch die spitzfindige Rafflesia Mitleid.
„Also gut, ich will dir helfen, auf Bäume zu klettern. Es ist schließlich das Einfachste auf der Welt. Betrachte einmal den Baum neben mir“, forderte die Rafflesia ihn auf.

„Das soll wohl ein Witz sein?“ entgegnete Mori. „Du sitzt doch an den Stamm fest. Wie willst du mir zeigen, wie man auf Bäume klettert?“

„Schau genau hin, du Neunmalkluger! Darf ich dir meine Wirtspflanze vorstellen? Tetrastigma, eine Liane!“ sprach die Rafflesia. „Sie gibt mir zu essen, und ich kann mich ganz darauf konzentrieren, die größte und schönste Blüte der Welt zu sein“, triumphierte die Rafflesia.

Mori jedoch blieb trübsinnig. „Und was hab' ich davon?“

„Nimm dir ein Beispiel an meiner Liane;" sagte die Rafflesia. "Sie klettert erst weiter, wenn sie weiter unten genügend Halt hat. Du solltest das gleiche tun: Erst wenn du mit deinen großen Füßen den Ast umklammert hast, lässt du deine Arme los und streckst sie weiter nach oben aus. Und natürlich umgekehrt. Dann geht alles wie von selbst.“

Mori befolgte den Rat der Rafflesia und begann, den Baum neben ihr hochzuklettern. Ihre Liane bot ihm zusätzliche Sicherheit. Und siehe da: Es klappte. Auf einmal kletterte er tatsächlich wie von selbst. „Bravo, du hast es“, rief die Rafflesia ihm nach, als er in den Wipfeln entschwand. Und mehr zu sich brummelte sie: „Endlich hat mal einer von diesen Herumläufern den Rat einer schönen und klugen Pflanze angenommen.“

Mori war nicht mehr zu bremsen. Wie ein Wilder kletterte er auf den höchsten Wipfel, genauso, wie seine Mutter es oft mit ihm getan hatte. Oben lag ihm der ganze riesige Regenwald zu Füßen.

Er sah über die anderen Wipfel, sah die Berge und Täler, die Formen, diese eigentümlichen Wellen im Grün, diese drei dunklen Hügel ... und da erinnerte er sich: Auf einmal wusste Mori, wo er war.

Fieberhaft hangelte er sich nach unten, ließ sich mehr fallen als dass er kletterte und hatte dabei Glück, auf besonders biegsame Äste zu treffen. Er wusste: bei den drei Hügeln war er zu Haus. Wagemutig warf er sich von Ast zu Ast, von Baum zu Baum und hopste wie ein Frosch durch das grüne Gewirr.

Plötzlich merkte er, wie sich vor ihm die langen Äste der Bäume langsam und gleichmäßig bewegten. Drohte Gefahr? Es war wie eine Welle, die durch den Wald wogte. Ängstlich versteckte er sich hinter einem Stamm und lugte vorsichtig hervor.

Mori sah, wie aus dem dichten undurchdringlichen Grün  braune, zottelige Arme nach Lianen griffen und große Knopfaugen durch die Blätterwand blickten. Da hörte er auch schon ein Rufen nach seinem Namen! Es waren seine älteren Brüder und Schwestern. Und als er noch in andächtigem Staunen auf seinem Ast saß, umklammerte ihn auf einmal eine starke Hand und zog ihn fest nach oben. Es war seine Mutter!

„Mori, du lebst!“ hörte er sie sagen, und ehe er etwas antworten konnte, hatte sie ihn schon an ihr dichtes Fell gezogen. Ganz feste umklammerte er auch sie, und all die anderen saßen, hingen und standen in gebührendem Abstand ringsherum auf den Zweigen und waren ganz still.

Mori war wieder da, und sie alle waren überglücklich.

Am Abend feierten sie ein großes Fest, mit vielen Feigen und anderen köstlichen Früchten des Tropenwaldes. Darunter viele Köstlichkeiten, welche die Menschen bis heute nicht kennen. Und immer wieder musste Mori erzählen, dass es Menschen gibt, die nicht böse sind. Die sie nicht jagen und töten, und die nicht dem Wald alle Bäume absägen.

Die anderen hörten es mit großen Staunen. „Vielleicht gibt es ja doch noch Hoffnung für uns“, sagte die Mutter und strich Mori gedankenversunken durchs Haar.