
- © Michael Poliza / WWF-Canon
Seepferdchen
Die Chinesen hielten Seepferdchen für kleine Drachen. Die Griechen glaubten, dass sie den Streitwagen des mächtigen Meeresgottes Poseidon ziehen. Und noch heute beeindrucken uns die zierlichen Unterwasser-Rösser. Vielleicht finden wir Seepferdchen so spannend, weil sie so wunderbar durchs Wasser schweben und tanzen? Wie geheimnisvolle Wesen aus einem Zaubermärchen. Doch leider werden jedes Jahr 24 Millionen dieser tollen Tierchen aus den Weltmeeren gefischt. Die meisten von ihnen werden zu Medizin verarbeitet. Und das, obwohl bis heute nicht nachgewiesen ist, dass sie eine heilende Wirkung haben. Die anderen Seepferdchen landen entweder als getrocknetes Souvenir in Geschäften oder als Hingucker in Hobbyaquarien, wo sie meist recht schnell sterben. Mit anderen Worten: Die fabelhaften Meeresbewohner sind stark gefährdet. Wenn die Seepferdchenjagd nicht aufhört, werden sie bald ausgestorben sein. Was die Seepferdchen so besonders macht, erfahrt ihr in unserem Thema des Monats.
Elfen der Meere
Sie haben Augen wie Chamäleons, einen Panzer wie Insekten und einen Greifschwanz wie Affen. Und das ist längst nicht das Ungewöhnlichste an Seepferdchen, die eines ganz gewiss nicht sind: nämlich Pferde. Aber was dann?Seepferdchen gehören zu den „Knochenfischen“ und dort in die Ordnung der „Stichlingsartigen“. Schwer zu glauben, denn auf den ersten Blick scheinen sie sich ganz und gar von üblichen Fischen zu unterscheiden. Dennoch: Sieht man genauer hin, entdeckt man Gemeinsamkeiten mit „normalen“ Fischen, z.B. Kiemen, Brustflossen und eine zierliche Rückenflosse. Zugegeben: Die Rückenflosse dient dazu, dass sie aufrecht stehend schwimmen. Und die Brustflossen sehen eigentlich aus wie Ohren. Aber sie sorgen dafür, dass die Meeresrösser schwimmen und gut steuern können. Auch der typische Fischschwanz fehlt ihnen. Dafür können sie sich mit ihrem Seepferdchen-Greifschwanz supergut an Seegräsern und Korallen festhalten, ja richtig verankern. So werden die Leichtgewichte nicht von der Strömung weggetrieben.Viele Seepferdchenarten bleiben ihr Leben lang an einem Ort – vielleicht, weil sie nur langsam schwimmen können. Sie lassen sich aber auch viel lieber treiben und werden so manchmal durch Stürme oder starke Strömungen an andere Orte verfrachtet – wie Passagiere auf unsichtbaren Förderbändern.Seepferdchen fressen am liebsten Schwebgarnelen, Flohkrebse und so genannte Hüpferlinge – das sind kleine Ruderfußkrebse. Diese saugen sie mit ihrer zahnlosen Trichterschnauze wie ein Staubsauger blitzschnell ein.
Im Meer zu Hause
Es gibt 33 Seepferdchenarten zwischen zwei und 35 Zentimetern Größe. Sie alle sind Meeresbewohner. Einige Arten können aber auch Brackwasser an Flussmündungen, ein Gemisch aus Süß- und Meerwasser, vertragen. Am liebsten leben die Seepferdchen in Küstennähe, in der geschützten Umgebung von Seegraswiesen, Korallenriffen oder im Wasser stehenden Mangrovenwäldern in Wassertiefen von einem bis 15 Metern. Einige Arten wie das Zwergseepferdchen findet man sogar in Tiefen bis zu 60 Metern. Die meisten Arten gibt es in der Meeresregion Ostasiens. Seepferdchen leben aber auch im Mittelmeer, Atlantik und Roten Meer. Und sogar in der Nordsee!
Der Papa ist die Mama
Das ist schon ziemlich verrückt und in der Tierwelt ziemlich einmalig: Nicht das Seepferdchenweibchen bringt den Nachwuchs zur Welt, sondern das Männchen. Das Weibchen pumpt die Eier in eine Hauttasche an der Bauchseite des Männchens. Dort werden sie vom Männchen besamt und dann ausgetragen. Das dauert je nach Seepferdchenart und Wassertemperatur zehn Tage bis sechs Wochen. Danach kommen 100 bis 200 Kleine zur Welt, die nur ein paar Millimeter groß sind. Trotzdem schwimmen sie sofort davon, klammern sich irgendwo fest und schnappsaugen kräftig nach vorbeischwimmendem Fressen.
Der Papa kümmert sich übrigens auch alleine um die gesamte Brutpflege. Mama besucht ihn aber jeden Tag. Scheint gut zu klappen, denn Seepferdchenpaare bleiben ihr ganzes Leben lang zusammen! Vielleicht auch, weil sie jeden Morgen zusammen durchs Wasser tanzen, sich dabei an den Schwanzspitzen festhalten und miteinander Kreise drehen.
Eingebaute Tarnkappe
Der Körper der Seepferdchen wird durch einen knöchernen Panzer geschützt. Dadurch sind sie für die meisten Meeresbewohner ziemlich unappetitlich. Ein weiterer genialer Schutz gegen Feinde: Wie ein Chamäleon kann das Seepferdchen seine Farbe ändern. Vom schicken Seegraslook (grasgrün!) über den kühlen Ozeandress (taubenblau!) bis hin zum aktuellen Korallenschick (cremeweiß!).
Damit ihr Tarnungsauftritt perfekt wird, ahmen sie noch die Unterwasserpflanzen in ihrer Umgebung nach: Dafür dienen ihnen die knubbel-, faden- oder lappenförmigen Auswüchse ihrer Haut. Und noch etwas Supergeniales: Sie können ihre Augen unabhängig voneinander bewegen. Auch wie Chamäleons. So haben sie mögliche Gefahren gut im Blick. Da dürfte ihnen eigentlich nichts mehr passieren, oder?
Gegen den Menschen helfen keine Tricks
Alle Tarnung nutzt nichts, wenn der Mensch eingreift. Seepferdchen werden gezielt gefischt, weil man sie als Souvenir, Aquariumsschmuckstück und vor allem als Medizin haben möchte. Angeblich sollen sie gegen Mattigkeit, Nervosität, Herz-Kreislaufbeschwerden, Hautausschläge und Atemwegsprobleme helfen. Das ist aber längst nicht bewiesen. Trotzdem fallen allein 16 Millionen der 24 Millionen jährlich gefangenen Seepferdchen fallen diesem Aberglauben zum Opfer.
Mindestens 77 Staaten auf der Welt handeln mit ihnen – obwohl man weiß, wie sehr sie gefährdet sind. Darunter sind auch europäische Länder! Also, wenn Dir im Urlaub mal jemand ein getrocknetes Seepferdchen als Souvenir verkaufen möchte, lass’ bloß die Finger davon!
Was tut der WWF?
Der WWF hat mit anderen Organisationen das Projekt „Seepferdchen“ ins Leben gerufen. In sieben Ländern wird gezielt für den Erhalt der Tiere und ihrer Lebensräume gearbeitet. Außerdem werden Zöllner geschult, den Seepferdchenhandel zu überwachen, damit von einzelnen Arten nicht zu viele weggefischt werden. Und schließlich setzt sich der WWF für den Schutz der Seepferdchen-Lebensräume ein – der Korallenriffe, Mangrovenwälder und Seegraswiesen

